Vielstimmiger Frühlingswalzer

Vorboten des Frühjahrs
In den höheren Lagen des Nationalparks liegt Anfang April noch tiefer Schnee – und doch lässt sich die warme Jahreszeit nicht mehr verleugnen. Gerade die Vögel sind mit ihrem Gezwitscher und ihrer Aktivität Vorboten des Frühjahrs. „Die Meisentrupps sind auf der Suche nach Nahrung in den Bergwäldern unterwegs. Die Spechte beginnen, ihre Reviere zu besetzen, und an den Felswänden in den Südhängen kehrt bereits Ende April der Steinrötel zurück aus seinem Winterquartier“, erzählt der Ornithologe Franz Hafner.

Trommeln ist nicht gleich Trommeln
Das Trommeln der Spechte ist auch für vogelkundliche Laien klar zu erkennen. Dafür suchen sich die Spechte ein „Instrument“, meist einen dürren Ast mit guter Resonanz. Das Trommeln dient der Verständigung eines Spechtpaares im Brutrevier – daher ist Trommeln nicht gleich Trommeln: „Der Dreizehenspecht wird am Ende schneller, der Schwarzspecht trommelt mit längeren Abständen“, weiß Hafner und er kennt noch eine Besonderheit: Raufußkäuze machen sich im Frühling auf die Suche nach verlassenen Bruthöhlen von Schwarzspechten, um dort ihre Eier abzulegen und die fertige Wohnung einfach als Nachmieter zu übernehmen.

 

Rotsterniges Blaukehlchen

Das Rotsternige Blaukehlchen ist eine vogelkundliche Besonderheit. Der Nationalpark beherbergt die zweitgrößte Brutpopulation in den Ostalpen. In den Elendtälern gibt es rund 15 Brutpaare. Die Reviere werden im Mai besetzt, Ende August, Anfang September fliegen die Blaukehlchen wieder nach Afrika.
Pro Jahr zieht der attraktive Vogel nur eine Brut groß. Das rotsternige Blaukehlchen hat im Nationalpark Hohe Tauern die zweitgrößte Brutpopulation in den Ostalpen.

Frühe Balz
Für den Nationalpark Ranger Ferdinand Rieder ist der Fichtenkreuzschnabel einer der markantesten Frühlingsboten in den Hohen Tauern: Diese Art gehört zu den ersten, die das Brutrevier besetzen. Oft schon im Jänner balzt das Männchen mit weichem Gezwitscher, mit Trillern auf Fichtenwipfeln. „Sie bauen sich richtige Kuschelnester und können schon bei Eis und Schnee brüten“, erzählt Rieder. Meist sieht man das auffälligere orange-rote Männchen, wenn es mit seinem überkreuzten Schnabel geschickt die kleinen Samen aus den Fichtenzapfen herausholt. Das braun-grüne Weibchen ist wie bei vielen Vogelarten gut getarnt und schwieriger zu beobachten.
Kaum zu entdecken ist auch das Wintergoldhähnchen. Das zarte Geschöpf ist der kleinste Singvogel der Hohen Tauern. Kaum fünf Gramm bringt es auf die Waage. Es hält sich – ebenso wie sein „Zwilling“, das Sommergoldhähnchen – in den Wipfeln der Bäume auf. Die beiden Winzlinge zu sehen, hat Seltenheitswert. Nur durch den hohen, feinen Gesang lässt sich erahnen, wo die Goldhähnchen ihr Quartier aufgeschlagen haben.

Rund 100 Vogelarten heimisch
In der Biodiversitätsdatenbank des Nationalparks Hohe Tauern sind rund 200 Vogelarten dokumentiert. Ein Teil wird nur beim Durchzug beobachtet, rund 100 Brutvogelarten sind im Schutzgebiet heimisch. Darunter sind so bekannte und häufige Arten wie die Hauben- und Tannenmeisen, Gimpel oder der Buchfink.

Oder so imposante Greifvögel wie der Gänsegeier, der mit einer Flügelspannweite von bis zu 280 Zentimetern und einem Gewicht von rund acht Kilogramm zu den größten Vögeln im Nationalpark gehört. Rund 80 bis 100 Gänsegeier fliegen alljährlich im Mai aus ihren Brutgebieten in Kroatien und Italien, um den Sommer in den Hohen Tauern zu verbringen. Diese Aasfresser sind so etwas wie die Gesundheitspolizei: Wenn nach einem Gewitter eine Kuh abstürzt und stirbt, brauchen sie keine drei Tage, um das tote Tier bis auf die Knochen zu vertilgen. Was übrig bleibt, ist den Bartgeiern ein köstliches Mahl.
Während jene Vögel, die sich fast ausschließlich von Samen, Kernen oder Pflanzenteilen ernähren, im Winter in den Hohen Tauern bleiben, ziehen die Insektenfresser in der kalten Jahreszeit in den Süden. Die Bachstelze gehört zu den ersten Arten, die im Frühjahr wieder zurückkehrt (ab März). Sie lässt sich an Wasserläufen und bei Viehweiden gut beobachten.

 

Veranstaltungstipp der Nationalpark Akademie Hohe Tauern

Seminar: Singvögel der Hohen Tauern
Freitag 9. bis Samstag 10. Juni 2017
Nationalparkgemeinde Kals

Infos & Anmeldung

Charakteristische Arten

Mehr über das Vorkommen und die Lebensräume von verschiedenen Arten zu erfahren, ist das Ziel von Forschungsprojekten, die der Nationalpark Hohe Tauern regelmäßig in Auftrag gibt. Außerdem gibt es nach der Vogelschutzrichtlinie der Europäischen Union die Verpflichtung, die Bestände von bedrohten Arten zu dokumentieren und zu überwachen.
Für Steinadler, Bartgeier, Gänsegeier und das Rotsternige Blaukehlchen wurden bereits Untersuchungen durchgeführt. Seit 2009 läuft in Kärnten und Salzburg auch ein großes Projekt, das flächendeckend die Hühnervögel, Spechte und Eulen erfasst. Haselhuhn, Birkhuhn, Auerhuhn, Alpenschneehuhn, Steinhuhn, Sperlingskauz, Raufußkauz, Grauspecht, Schwarzspecht, Weißrückenspecht und Dreizehenspecht sind schließlich charakteristische Vogelarten des Nationalparks. „Über ihre Verbreitung kann man gut ablesen, ob die Lebensräume in den Wald- und Hochgebirgsregionen noch intakt sind oder sich verändern“, erläutern Katharina Aichhorn und Kristina Bauch, die in Kärnten und Salzburg für Forschungsprojekte des Schutzgebiets zuständig sind, die Bedeutung solcher Untersuchungen. Tirol schließt heuer das Projekt ab. Die Bestände an Hühnervögeln sind wesentlich besser als erwartet, berichtet Projektleiter Martin Kurzthaler über die Ergebnisse. „Die Mischung aus Kultur- und Naturlandschaft, wie wir sie im Nationalpark haben, bietet den größten Artenreichtum von Vögeln“, weiß der Ornithologe Hafner. Die Virgener Feldfluren, die Bergmähder oder die kleinräumige Almwirtschaft in vielen Tauerntälern bietet den Vögeln einen idealen Lebensraum.


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