Wildtiere im Winter im Nationalpark Hohe Tauern

Schnee ist ein guter Isolator. Das weiß auch das Schneehuhn. Es gräbt sich im Winter eine Art Iglu in den Schnee, um sich vor der Kälte zu schützen. Wenn es sich hervorwagt, dann pickt es binnen kurzer Zeit so viel Samen, Triebspitzen oder Nadeln wie möglich auf, um mit dieser Nahrungsration im Magen wieder möglichst lange in der isolierenden Höhle zu bleiben. Der Schnee schützt diesen perfekt an das Hochgebirge angepassten Hühnervogel nicht nur vor den eisigen Temperaturen, sondern auch vor möglichen Feinden. Zu Winterbeginn färben sich die Schneehühner um: Im braungrauen Sommerkleid wären sie leichte Beute für ihre Feinde, mit dem weißen Wintergefieder sind sie im Schnee bestens getarnt. Aber auch sonst hat die Natur es gut eingerichtet, damit das Schneehuhn gut durch den Winter kommt. Sogenannte Balzstifte (kurze Federn ohne Federfahne) an den Füßen bzw. im Winter verlängerte Federn um den Zehenballen, verhindern, dass die Tiere im Schnee zu tief einsinken. Wie die anderen Raufußhühner auch haben Schneehühner auf einem Kiel zwei Federn: Unter der Deckenfeder sitzt zusätzlich eine wärmende Daune. Dazu kommen befiederte Schnäbel bzw. Nasenlöcher. Schneehühner, Birkhühner, teilweise Haselhühner, aber auch Tiere wie die Schneemaus oder der Schneehase: Sie alle nützen die isolierende Wirkung von Schnee, um nicht zu stark auszukühlen. Es ist nur eine der vielen Möglichkeiten, um mit den vorhandenen Energiereserven über die Runden zu kommen.

Die Natur im Energiesparmodus
„Viele Tiere gehen in ein Art Energiesparmodus“, erklärt die Wildbiologin Veronika Grünschachner-Berger. Das kann der klassische Winterschlaf des Murmeltieres ebenso sein wie die Kältestarre beim Alpensalamander oder ein Absenken der Temperatur in den Extremitäten, wie es beispielsweise Steinböcke, Gämsen oder Hirsche tun. „Die lebensnotwendigen Bedürfnisse müssen sich im Winter auf einem möglichst kleinen Gebiet befriedigen lassen, die Wildtiere leben hier nach der ‚Strategie der kurzen Wege‘“, erläutert die Biologin. Schließlich kostet es dem Schneehuhn jedes Mal viel Energie, wenn es die wärmende Schneehöhle verlassen muss. „Müssen die Tiere – etwa bei Störungen durch Tourengeher – größere Wege zurücklegen, kann das rasch lebensbedrohlich werden“, betont die Biologin: „Jeder, der schon einmal beim Gehen im Schnee versunken ist, weiß, wie anstrengend das ist.“

Der Organismus wird langsam umgestellt

Im August denkt man im Tal noch an Abkühlung im erfrischenden Nass und an laue Sommernächte. Keine Spur von kalter Jahreszeit. In den Höhenlagen des Nationalparks Hohe Tauern ist das anders. Da beginnen die Tiere und Pflanzen schon mit ihrer Vorbereitung auf den Winter. Nicht nur, indem sie sich eine Fettschicht anfressen oder Vorräte für die karge Zeit einlagern. Der ganze Organismus wird umgestellt. Das Schalenwild beginnt schon Mitte bis Ende August, unter anderem seinen Herzschlag zu reduzieren, um sich langsam in den winterlichen Energiesparmodus einzupendeln. „Ungewöhnlich lange warme Herbst bzw. Frühwinterperioden sind dabei für das Schalenwild problematisch“, weiß Gunther Greßmann, Wildtierexperte beim Nationalpark Hohe Tauern. Die Tiere brauchen aufgrund der dann bereits ausgebildeten guten Kälteisolierung nämlich mehr Energie, um die Körpertemperatur unten zu halten. Diese Reserven fehlen dann, wenn es im Frühjahr länger kalt und nass ist. Eine Gämse benötigt beispielsweise rund 1,5 Kilogramm Depotfett am Anfang des Winters.

Das Herz schlägt langsamer

Steinböcke, Gämsen oder Rothirsche halten eine Art versteckten Winterschlaf, sie reduzieren ihre Stoffwechselaktivität, um Energie zu sparen. Die Wildtiere fressen weniger, verdauen langsamer, die Organe werden kleiner. So wiegt die Leber eines Rehs im Sommer rund 600 Gramm, im Winter nur 400 Gramm, berichtet Walter Arnold, Leiter des Instituts für Wildtierkunde und Ökologie an der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Er hat mit seinem Team bei einerStudie mit Rothirschen gezeigt, dass auch der Herzschlag deutlich verlangsamt wird: Wurden im Mai 65 bis 70 Schläge pro Minute gezählt, lag der Puls beim Rothirsch im Winter nur bei 40 Schlägen – und das unabhängig davon, wie viel Nahrung zur Verfügung stand. Das Schalenwild senkt im Winter die Temperatur der äußeren Körperteile und Gliedmassen. „Das funktioniert wie bei der Heizung: Ein oder zwei Grad weniger Raumtemperatur bringen eine erhebliche Energieeinsparung“, veranschaulicht Grünschachner-Berger. Die kühlere Außenhülle wirkt dabei wie eine zusätzliche Isolationsschicht und schützt das Körperinnere vor Wärmeverlusten. Einen Nachteil hat die körperliche Sparflamme aber auch: Die Glieder werden steif, die Tiere sind nicht so schnell wie im Sommer.

Winterschlaf mit kurzen Pausen

Murmeltiere kommen während ihres Winterschlafs völlig ohne Nahrung und Flüssigkeit aus. Ende September ziehen sie sich in ihre mit Heu gut ausgepolsterten Höhlen zurück. Um die Fettreserven aufzubauen, von denen sie im Winter zehren, fressen sie sich übrigens nicht quer durch das Futterangebot auf den Almen. Sie konzentrieren sich auf Pflanzen, die einen hohen Gehalt ungesättigter Fettsäuren haben, beispielsweise Alpenklee, Labkraut oder Bergwurz. Die Linolsäure dürfte eine lange Schlafphase sowie tiefere Körpertemperaturen fördern, haben Untersuchungen von Wissenschaftlern ergeben. Die Murmeltiere senken ihre Körpertemperatur im Winterschlaf auf drei bis sechs Grad ab. Alle zwei Wochen fahren alle Tiere in der Murmeltierhöhle vorübergehend ihre Temperatur auf 38 Grad hoch – dadurch wärmt die Gruppe ihre Höhle insgesamt wieder auf. Warum es dieses kollektive regelmäßige Aufwachen gibt, ist eines von vielen Rätseln, die die Natur immer noch aufgibt.

Autorin: Claudia Lagler
Quelle: Nationalpark Hohe Tauern Magazin, 03/2016

Störung kann tödlich sein

Tourengehen, Schneeschuhwandern, Wildtierbeobachtung: Aktivitäten wie diese locken viele Menschen auch im Winter in die einsamen Regionen des Nationalparks Hohe Tauern. Nationalpark Mitarbeiter Gunther Greßmann nennt ein paar Verhaltensregeln, um die Wildtiere möglichst wenig in ihrer Ruhephase zu stören.


Worauf soll man achten, wenn man im Winter im Nationalpark unterwegs ist?


Man muss respektieren, dass man da draußen nicht allein ist. Man durchquert ständig den Lebensraum von Wildtieren. Je regelmäßiger und auf gleichen Routen die Störung stattfindet, desto kalkulierbarer ist es für die Tiere. Wild, das wegen Störungen dauernd flüchten oder ausweichen muss, verbraucht vor allem im Winter viel Energie. Irgendwann sind ihre Reserven aufgebraucht und dann wird es lebensbedrohlich.

Was heißt das konkret?


Auch Wildtiere sind Gewohnheitstiere, sie wissen, wo Wanderwege oder Routen normalerweise verlaufen. Man soll deshalb die markierten Wege benützen, untertags unterwegs sein und mit normaler Lautstärke reden, dann kann sich das Wild meist ohne Flucht rechtzeitig zurückziehen. So ist man einschätzbar für das Wild. Betont leise zu sein, führt oft zu überraschenden Begegnungen, die dann energieaufwändige Fluchten mit sich bringen. Auch wenn viele Wildtiere im Winter untertags nach Nahrung suchen, sind die Zeiten um Sonnenunter- und Sonnenaufgang im Winter wichtig. Wildruhezonen sind unbedingt zu beachten.

Wie kann ich Tiere am besten beobachten?

Man braucht Geduld und ein bisschen Glück. Ein gutes Fernglas ist hilfreich. Am wenigsten Störungen verursacht man, wenn man die Tiere von einem Gegenhang oder vom Wanderweg aus beobachtet. Der Nationalpark Hohe Tauern bietet in seinem Winterprogramm zahlreiche Möglichkeiten an, gemeinsam mit Rangern Wildtiere zu beobachten. Die Ranger wissen, wo sich gute Chancen auf Sichtungen bieten und gleichzeitig die Wildtiere möglichst wenig beunruhigt werden.

Autorin: Claudia Lagler
Quelle: Nationalpark Hohe Tauern Magazin, 03/2016

Winter im Nationalpark - Schneeschuh- und Winterwanderungen mit unseren Nationalpark Rangern

Ein Wintertag abseits der Pisten in den winterlichen Nationalpark ist ein besonderes Erlebnis. Unsere Nationalpark Ranger begleiten Sie auf Ihrer Entdeckungsreise und vermitteln Wissenswertes zur Natur und den Überlebensstrategien von Wildtieren. Bei vielen Exkursionen werden Ihnen Schneeschuhe zur Verfügung gestellt. Zum Angebot unter www.nationalparkerlebnis.at


Submit to DiggSubmit to FacebookSubmit to Google PlusSubmit to Twitter